‚The future we don’t ​want‘

Der letzte Beitrag endete mit der sorgenvollen Frage, wie denn nun die ‚Zivilgesellschaft‘ (ein Begriff, der natürlich so unscharf ist, dass seine Benutzung immer den Griff nach der Lesebrille notwendig macht, aber davon ein andermal) auf den absolut unterirdischen Verhandlungstext – mit dem zynischen Titel ‚the future we want‘, die Zukunft, die wir wollen – reagieren würde.

Warum sorgenvoll? Nunja, ohne eine extrem heterogene Gruppe von Organisationen und Individuen allzusehr über einen Kamm scheren zu wollen, der 1992 begonnene Rio-Prozess stellte mit Sicherheit den Höhepunkt der hegemonialen Einbindung von zivilgesellschaftlichen Akteuren in die Mechanismen herrschaftlicher ‚Global Governance‘ dar. Die Beteiligung von Nichtregierungsorganisationen an globalen Verhandlungsprozessen wurde institutionalisiert, und NGOs spielen in vielen Regierungsdelegationen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig haben diese Verhandlungen in keinem Fall wirklich dazu beigetragen, die ihnen gesetzten Probleme zu lösen oder auch nur auf relevante Art und Weise zu bearbeiten. Diese Spannung führte dazu, dass viele NGOs sich dazu gezwungen sahen, politische Prozesse, die ihnen inhaltlich eigentlich zuwider sein sollten, zu verteidigen, wie es zum Beispiel in den langen Diskussionen um den Kopenhagener Klimagipfel sichtbar wurde. Der Grund dafür liegt wiederum oft darin, dass diese Prozesse, so nutzlos sie auch sein mögen, mittlerweile zum Arbeitsplatz und zur Finanzierungsgarantie dieser Akteure geworden waren. Stirbt die UN-Klimarahmenkonvention, würden auch einige NGOs sterben (ein Problem, das uns in der RLS nicht völlig unbekannt sein sollte, wenn auch mit anderen Bezugspunkten). Daher die immer wieder berechtigte Sorge, dass richtige inhaltliche Kritik trotzdem nur in einem ‚weiter so, nur ein bisschen besser‘ münden könnte.

Nicht diesmal. Die großen und die kleinen, die linken und die weniger linken, sogar diejenigen, die gegen jede Vernunft noch bis zum Tag des Scheiterns des Klimagipfels in Kopenhagen diesen verteidigten, haben klar gesagt, was sie vom Verhandlungstext halten: nämlich gar nichts. Als Wael Hmaidan vom üblicherweise sehr vorsichtigen Climate Action Network vor dem Gipfel die NGO-Resolution ‚The Future We Don’t Want‘ vorstellte, fand er ziemlich klare Worte für die ca. 100 versammelten Staats- und Regierungschefs. Hier ein Zitat:

Wir laufen Gefahr, dass Rio+20 einen weiteren gescheiterten Versuch darstellen, die Welt zu retten, weil Regierungen nur ihre eigenen, eng gefassten Interessen vertreten… Ein Dokument mit dem Titel ‚Die Zukunft, die wir wollen‘ kann nicht ohne die Erwähnung von planetarischen Grenzen und Kipppunkten auskommen… So wie er steht ist der Text komplett realitätsfern. Um ganz klar zu sein, die NGOs hier in Rio unterstützen diesen Text auf gar keinen Fall… Wir verlangen, dass die Worte ‚mit voller Beteiligung der Zivilgesellschaft‘ entfernt werden.

Respekt. Das hätte auch anders ausgehen können. Nun stellt sich die Frage, wie weiter in der Strategie? Morgen findet beim Alternativgipfel ein Workshop statt – geleitet vom allseits respektierten ehemaligen bolivianischen Klimaverhandler Pablo Solon (jetzt bei Focus on the Global South), die sich genau mit dieser Frage auseinandersetzt. Mal schauen, was da rumkommt…

Ein Gedanke zu „‚The future we don’t ​want‘

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