Die Wirklichkeit der „nachhaltigen Entwicklung“ in Brasilien

Wie es in Wirklichkeit mit der von der brasilianischen Staatspräsidentin Dilma Rousseff unermüdlich propagierten Vorreiterrolle bei der nachhaltigen Entwicklung aussieht, kann man beurteilen, wenn man Rio de Janeiro, die „cidade maravilhosa“ verlässt und sich nach Santa Cruz, knapp eine Autostunde von Rio gelegen, begibt. Das am 18. Juni 2010 eingeweihte Stahlwerk von ThyssenKrupp CSA, ist laut Webseite des Unternehmens „…die größte industrielle Investition der letzten zehn Jahre in Brasilien und zugleich das erste große Stahlwerk, das in diesem Land seit Mitte der achtziger Jahre gebaut wird“ (http://www.thyssenkrupp.com/de/presse/themen_csa.html). An der Baía de Sepetiba gebaute Mammutwerk, ein Prestige-Projekt der Regierung Lula und vom ehemaligen Staatspräsidenten persönlich eingeweiht, empfängt die BesucherInnen mit Staub (laut Aussagen des Unternehmens „nur“ Graphitstaub, dicken Rauchschaden und einem verdunkelten Himmel. Tatsächlich bedrohlich wird die Situation aber erst in der Nacht, wenn die Produktion auf Maximum hochgefahren wird und die Luft zum Atmen voller Partikel. Binnen Minuten ist die ausgestreckte Hand mit einer Staubschickt bedeckt.

Nicht unscharf, sondern Staub, Staub, Staub

Foto: Stefan Thimmel

Bei einem Treffen mit BewohnerInnen der unmittelbar in der Nähe des Werks gelegenen Siedlung sowie mit Fischern, die teilweise seit mehr als 30 Jahren hier ihren Lebensunterhalt finden bzw. besser gefunden haben, wird das ganze Drama deutlich. Fast alle berichten von Hautkrankheiten und weiteren schweren gesundheitlichen Problemen, die Fischerei von der direkt mehr als 8000 Fischer und ihre Familien gelebt haben, ist fast vollständig zum Erliegen gekommen und erst vor ein paar Wochen wurde aufgrund der durch das Werk verursachten Veränderungen des Wasserhaushalts in der Bucht das halbe Viertel überschwemmt. Über Wochen musste ein Großteil der BewohnerInnen in Hallen und Notunterkünften leben, viele verloren Hab und Gut. Und das Unternehmen ist nicht zimperlich, KritikerInnen im Land und vor Ort sind konkreten Bedrohungen ausgesetzt und müssen um ihr Leben fürchten. (http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=hi&dig=2011%2F12%2F03%2Fa0033&cHash=244bdfb141). Der Vor-Ort-Besuch, der vom Regionalbüro Sao Paulo der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wurde, und an dem auch Heike Hänsel (MdB DIE LINKE. und entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion) sowie Anita Tack (Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg, DIE LINKE), beide Mitglieder der offiziellen deutschen Regierungsdelegation für Rio plus 20, teilnahmen, macht tendenziell ratlos sowie ebenso wütend.

Foto: Stefan Thimmel

Die BesucherInnen verabschiedeten sich am späten Abend wieder, die BewohnerInnen müssen (und wollen) bleiben. Und sie erfahren außer von einigen brasilianischen NGOs wie der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützen PACS (http://www.pacs.org.br/) sowie in ihrem aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die Koalition aus brasilianischer Regierung, Verwaltung des Bundesstaats Rio de Janeiro und deutschem Weltkonzern wenig Unterstützung und Solidarität. Dran zu bleiben (schon seit mehr als drei Jahren gibt es von Seiten deutscher NRO, siehe http://fdcl-berlin.de/fileadmin/fdcl/Publikationen/TKCSA-Schlacke_und_Staub-2012.pdf und auch von Seiten der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag Aufklärungskampagnen, Anfragen im Parlament und Besuche von Betroffenen wurden in Deutschland organisiert) erscheint hier in diesem Falle etwas, was ebenso schwer wie unverzichtbar ist. Etwas, was sowohl Heike Hänsel als auch Anita Tack den Menschen in Santa Cruz versprochen haben. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brasilien (http://www.rls.org.br/parceiros-no-brasil) sowieso.

 

 

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