Über Tadzio Müller

Rosa-Luxemburg-Stiftung, Referent Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie

Aus, vorbei!?

Aus, vorbei! Ob noch mehr vorbei ist als die von vorneherein zum Scheitern verurteilte Konferenz „Rio plus 20“ der Vereinten Nationen, die an den legendären Gipfel für Umwelt und Entwicklung erinnerte, der 1992 in Rio de Janeiro stattfand, wird sich im Nachhinein zeigen müssen. Die Reaktionen der Umwelt- und Entwicklungs-NGOs sind auf jeden Fall eindeutig: „Mageres Ergebnis“ ist dabei noch freundlich, vielleicht auch euphemistisch ausgedrückt, denn nicht wenige sind der Meinung, dass die Konferenz, zu der letztendlich 114 Staats- und Regierungschefs anreisten, im negativen Bereich bilanziert werden muss. Also noch nicht mal Stillstand – wohl eher Rückschritt.

Wenn aber nun klar ist, was ist Rio nicht passiert ist – es gab dort keinen Aufbruch in die schöne neue Welt der Green Economy – so wollen wir zum Abschluss dieses Blogs noch kurz und thesenhaft darauf eingehen, was denn nun in Rio passiert ist, und was das für Folgen haben wird. Die Diskussion wird in vielen Foren geführt werden (z.B. hier und hier), deshalb soll hier nur kurz auf zwei verschiedene Aspekte eingegangen werden:

1. Auf die Rolle Brasiliens, und

2. Auf einen unterstellten Paradigmen- oder Haltungswechsel, jedenfalls auf eine neue Gangart einzelner Regierungen und der UN im Verhältnis zur sog. „Zivilgesellschaft“. Weiterlesen

Rio+20 ist tot – aber die Green Economy eben doch nicht…

Vor ein paar Tagen hatte ich die Green Economy als Totgeburt bezeichnet. Seit gestern habe ich den Eindruck, dass das ein Fehler war. Zwar stimmt es, dass der offizielle Gipfel ein totaler Flop ist, wie die vielen vernichtenden Pressemitteilungen von NGOs, die schon zitierte Rede von Wael Hmaidan, ebenso wie die Verlautbarungen von ParlamentarierInnen noch einmal beweisen (hier ein Beispiel von der Genossin Heike Hänsel, dich mit uns in Rio unterwegs ist). Deswegen jetzt aber schon Nachrufe auf die Green Economy als kapitalistisches Entwicklungsprojekt zu schreiben würde aber ignorieren, was von links schon geraumer Zeit argumentiert wird (z.B. hier), nämlich dass irgendeine Spielart des ‚grünen Kapitalismus‘ die wahrscheinlich beste Möglichkeit ist, den Kapitalismus aus seiner selbstverschuldeten Krise zumindest zeitweise zu befreien. Es würde außerdem auf die selbstglorifizierenden Erzählungen der UN hereinfallen: ‚da oben‘ passiert nun wirklich nicht sehr viel, vor allem nicht in Zeiten von ‚Multipolarität‘. Aber eine Green Economy muss ja nicht auf der globalen Ebene dekretiert werden, sie kann auch als ‚molekularer‘ Prozess der beinahe alltäglichen Transformation von Produktions- und Konsummustern geschehen (z.B. wenn Unternehmen ‚ökologisches Accounting‘ einführen), oder als nationale/regionale Entwicklungsstrategie. Weiterlesen

50.000 auf der Straße, oder: wenn im Wald ein Baum umfällt…?

Nach der Aktion in der Vila Autodroma fand gestern abend die zentrale Demonstration des Gipfels der Völker statt. Sehr, sehr grob geschätzt über 50.000 Menschen auf der Straße, einige Riesenpräsenz der globalen KleinbäuerInnenorganisation La Via Campesina, klasse Inhalte in den zentralen Reden, und eine trotz des Regens sehr gute Stimmung. (Die KollegInnen vom exzellenten Climate Connections-blog haben hier schon eine Fotostrecke ins Netz gestellt). Zusammen mit der – unter deutschen NGOs bisher fast nur von Germanwatch durchbrochenen – breiten Ablehnungsfront gegenüber dem wahrscheinlichen Gipfeltext ist die zivilgesellschaftliche Message ziemlich deutlich: was beim offiziellen Gipfel passiert, ist eine Farce. Strategien zur gerechten Bearbeitung der sozial-ökologischen Krise müssen andernorts gesucht und gefunden werden.

Aber da kommen wir auch schon zum Knackpunkt: die Irrelevanz des Gipfels spiegelt sich, zumindest tendenziell, in der Irrelevanz des Alternativgipfels. Weiterlesen

‚The future we don’t ​want‘

Der letzte Beitrag endete mit der sorgenvollen Frage, wie denn nun die ‚Zivilgesellschaft‘ (ein Begriff, der natürlich so unscharf ist, dass seine Benutzung immer den Griff nach der Lesebrille notwendig macht, aber davon ein andermal) auf den absolut unterirdischen Verhandlungstext – mit dem zynischen Titel ‚the future we want‘, die Zukunft, die wir wollen – reagieren würde.

Warum sorgenvoll? Nunja, ohne eine extrem heterogene Gruppe von Organisationen und Individuen allzusehr über einen Kamm scheren zu wollen, der 1992 begonnene Rio-Prozess stellte mit Sicherheit den Höhepunkt der hegemonialen Einbindung von zivilgesellschaftlichen Akteuren in die Mechanismen herrschaftlicher ‚Global Governance‘ dar. Weiterlesen

Die Green Economy als Totgeburt?

Tadzio Müller (RLS); Foto: Stefan Thimmel

Zugegebenermaßen, es gehört nicht allzu viel kritisches Denken dazu, diese ganze ‚Green Economy‘-Geschichte für großen Mist zu halten. Im Gegensatz zur großen Erzählung von der Nachhaltigkeit, die zwar kaum etwas nachhaltiger gemacht hat, aber sich doch nachhaltig in gesellschaftliche Erzählungen über die Umwelt eingegraben hat. Das Hamburger Abendblatt schreibt dazu:

Zunächst kursierte das sperrige Wort, das man 1992 für ein Schlüsselwort hielt, nur in Fachkreisen. Aber heute taucht Nachhaltigkeit überall auf und ist dadurch kräftig in Misskredit geraten. Kein Wunder, wenn ihn Ökopaxe und Hersteller von Tiefkühlpizza gleichermaßen für sich reklamieren. Weiterlesen

Rio+20: Weltrettung, oder viel Lärm um Nichts? Teil I: der offizielle Gipfel

So gestellt ist die Frage natürlich leicht zu beantworten: weder noch. In Rio wird dieser Tage weder die Welt gerettet werde, noch wäre es korrekt zu behaupten, hier ginge es um gar nichts, um bloßes ‚Greenwashing’ der globalen Wirtschaft, oder – auf der anderen, der Bewegungsseite, die sich beim ‚Gipfel der Völker’ trifft – um bloßes zivilgesellschaftliches Wichtigtun. Gleichzeitig gab es im Vorfeld heftige Debatten in der deutschen und internationalen NGO-Szene darüber, ob der ganze Gipfel einfach völlig boykottiert werden sollte, und im Sinne der CO2-Einsparung die teuren Flüge nach Rio doch lieber nicht gebucht werden sollten (siehe z.B. die Intervention von Weeds Peter Wahl hier). Denn: wenn der ‚offizielle’ Gipfel der Gipfel der Irrelevanz ist, und damit die schlechte Tradition der letzten 17 ‚Klimagipfel’ weiterführt, was soll denn dann der Gegengipfel ausrichten, angesichts der Tatsache, dass die sozialen Bewegungen derzeit kaum in der Lage sind, aus sich selbst heraus die Einhegung oder gar Umkehrung der eskalierenden Biokrise zu bewerkstelligen? Weiterlesen